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Heuernte
Wenn der Opa erzählt, dann erinnert er sich wieder an die vielen, mit Blumen übersähten Wiesen und an den herrlichen Anblick, den die Felder den ganzen Frühling hindurch boten. Wenn dann der Tag des Erntebeginns gekommen war und der Wettergott sich recht gütig gestimmt zeigte, fiel die ganze Gras- und Blumenpracht dem Schnitt der Sense zum Opfer. Noch ehe die Kirchturmuhr die vierte Stunde angezeigt hatte, waren die Mäher schon unterwegs, um die taugetränkten Wiesen zu schneiden. Schnell lag das erste "Jematt" in einer langen Reihe und viele andere kamen hinzu. Die warmen Junitage hatten den Graswuchs reichlich gefördert und nun war Eile geboten, damit der Segen der schönen Flur noch während des trockenen Wetters geborgen werden konnte. Nach mehr als zwei Stunden war Frühstückszeit. Hart war die Arbeit mit der Sense und mancher Schweißtropfen rann über die gebräunten Wangen der Landleute. Zuhause begann inzwischen die Stallarbeit: Kühe mußten gemolken, auf die Wiese getrieben und die Ställe gereinigt werden. Doch darum brauchte sich der Bauer nicht zu bangen, denn diese Arbeit schafften Frauen- und Kinderhände. Dem Bauern auf dem Feld wurde derweil die Pfeife nicht kalt bei der schweren Tätigkeit. Nur spärlich wurden Worte gewechselt. In der Erntezeit war er ohnehin morgens der erste und abends der letzte. Oft kam er an den Wochentagen kaum aus seiner blauen, hundertmal geflickten Leinenjacke heraus.
Denn nach getaner Arbeit auf dem Feld wurde zu Hause die Sense gedengelt, damit sie für den nächsten Tag wieder den richtigen Schnitt hatte und mühelos durch die Gräser glitt. Trotz aller Vorsicht, die die Landleute walten ließen, passierte es hin und wieder, daß die Sense gegen einen Stein schlug und das Sensenblatt beschädigte. Dies brachte der Bauer, der sein Werkzeug wie seinen eigenen Augapfel pflegte, sofort wieder in Ordnung (siehe auch "Wenn Großvater erzählt vom Sensen dengeln"). Aber zurück zur Heuernte. Auf dem Feld ging es auf Mittag zu und es war an der Zeit, die Mahd zu spreiten, damit die Sonne überall an das Gras gelangen konnte. Und als dann von der Kirchenglocke Punkt zwölf Uhr zum "Engel der Herrn" geläutet wurde, hörte man in der Ferne schon die Kinder kommen, die das Mittagessen brachten. Aus dem "Mitt" (Henkelmann) und aus dem "Blääch" (Kaffeeflasche) schmeckte es noch einmal so gut! Für eine große Rast blieb keine Zeit, denn jede Stunde guten Wetters mußte genutzt werden. Für den Nachmittag hieß es dann "Heu spredde" (spreiten) und falls es gut getrocknet war, das Heu mit "Jaffele" (Gabeln) zu wenden. Zum Abend hin wurde dann alles auf "Höppere" (Heuhaufen) geschafft, damit sich keine Nässe in das schon getrocknete Heu einschleichen konnte. Am nächsten Morgen ging es dann weiter wie gehabt. Mit einer Ausnahme: Man zog mit Ochs und Wagen auf das Feld! Schwer beladen, mit "Schonnrääch" (großer Eisenrechen zum "schön rechen"), Heuböcken und der ganzen Bagage mußte der Ochse die zweirädrige Karre über die holprigen Fuhrwege ziehen. Auf dem Feld hatte die Sonne inzwischen ihre Wirkung gezeigt und den Tau von den Gräsern gesaugt. Jetzt konnten die Höppere wieder gespreitet werden. Das Heu wurde dann im Verlauf des Tages zu den aufgestellten Heuböcken gebracht und dort sorgfältig aufgestapelt. War diese Arbeit getan, kam der "Schonnrääch" zu Ehren, denn mit ihm wurde die Wiese von den letzten Grashalmen befreit. Die Heuböcke standen lange auf den Feldern, bevor sie durch und durch getrocknet waren. Landaus, landein sah man sie stehen, in Reihe und Glied und prall gefüllt mit duftendem, guten Heu. Dann endlich, die Tage waren dahingegangen, konnte eingefahren werden. Am Morgen, wenn der Nebel aus den Tallagen gewichen war, klapperten die eisenbereiften Karren die Dorfstraße hinab. Das Aufladen begann. Gabel für Gabel wurde dem Bauern, der oben auf der Karre stand und das Heu geschickt plazierte, angereicht. Am Schluß, wenn der hochbeladene Karren fast umzufallen drohte, legte der Bauer das "Wissboom" auf. Der lange, oberarmdicke Fichtenstamm mußte gut verzerrt und angekettet werden, bestand doch sonst die Gefahr, daß das Ladegut auseinanderbrach und vielleicht zum Gelächter des Dorfes auf die Straße fiel. Die Leute sagten dann, daß der Pechvogel "einen Bürgermeister gebaut" habe, wobei es jedem selber überlassen bleibt, sich hierauf einen Reim zu machen ... In der Scheune endete dann die Fahrt und das Einbringen in den Heustall erforderte noch einmal die ganze Kraft der Landleute. Nur für die Kinder, die mit Hurra und Juchhee auf dem Heu herumtollen durften, hatte die Heuenzeit einen fröhlichen Charakter. Für den Bauern fing schon bald eine andere Arbeit an : die Getreideernte. Tja, Zeiten waren das ...
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